Interreligiöses Zusammenleben in Albanien

. : Hintergrund

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Wie gestaltet sich das interreligiöse Zusammenleben in Albanien?
In Albanien lassen sich fünf große und eine Vielzahl von kleinen Glaubensrichtungen antreffen (sunnitischer Islam, Orthodoxie, Katholizismus, Bektashi-Gemeinschaft, Protestantismus). Die größte Religionskonfession in Albanien ist der sunnitische Islam, dem offiziell zwischen 50 und 60 Prozent der Bevölkerung angehören. Generell zeigt sich in der Bevölkerung im Alltag sowohl eine signifikante Distanz zum Religiösen als auch eine hoch ausgeprägte Verständigung über religiöse Grenzen hinweg. Indikatoren dafür sind der relativ hohe Anteil von interreligiösen Ehen, aber auch der öffentlich ausgedrückte Respekt für die Perspektiven und Gebräuche (Feiertage) der jeweils anderen Glaubensrichtungen.

Auch die Religionsgemeinschaften, und hier die obersten Würdenträger der Organisationen als ihre Repräsentanten, sind darauf bedacht, einen hohen Grad an Kooperation und Verständnis für die anderen Gemeinschaften zu zeigen. Für diesen Ansatz wird auch öffentlich eingetreten und er steht zentral im Selbstverständnis der Gemeinschaften, im Gegensatz zu den Verhältnissen in manchen anderen Ländern der Region.

Die öffentliche Kooperationsbereitschaft bestimmt auch den Alltag der Geistlichen der bedeutenden Gemeinschaften, die nach meiner Erfahrung in formellen und informellen Foren im regionalen Vergleich relativ oft zusammenkommen und sich aus diesem Austausch recht viel Wissen über die (Perspektiven der) anderen Gemeinschaften angeeignet haben. Die angesprochenen Punkte positionieren das Land demnach auch als einen sehr bedeutsamen Fall für eine sozialwissenschaftliche Analyse zu (gelungenen) interreligiösen Beziehungen.

Welche konkreten Projekte der Zusammenarbeit gibt es zwischen den Religionsgemeinschaften?
Auf der einen Seite gibt es staatlich organisierte Zusammentreffen. Diese sind eher formal gehalten und sollen die oben angesprochene Kooperation der Religionsgemeinschaften sowie eine gewisse politische Aufmerksamkeit für diese nach außen dokumentieren. Auf nationaler Ebene existiert der Interreligiöse Rat Albaniens (Këshilli Ndërfetar i Shqipërisë, KNFSH), der am 22. Oktober 2007 von den vier großen, traditionellen Religionsgemeinschaften in Albanien (Muslimische Gemeinschaft Albaniens – KMSh, Autokephale Orthodoxe Kirche von Albanien, röm.-katholische Kirche, Bektashi-Gemeinschaft) gegründet wurde (Aufnahme der Evangelischen Bruderschaft Albaniens, VUSH, im Oktober 2018). Hierbei wurde eine bereits zuvor praktizierte Kooperation auf der höchsten Ebene der teilnehmenden Gemeinschaften formalisiert.

Die höchsten Hierarchie-Ebenen geben jedoch nur eine generelle Richtung vor. Für eine substantielle Zusammenarbeit sind vor allem lokale und regionale Initiativen bedeutend, die von Akteuren vor Ort ausgehen und getragen werden, da sie eine höhere Authentizität und Langfristigkeit der Projekte gegenüber den Gläubigen und der dort lebenden Bevölkerung garantieren. Ein Beispiel ist das Zentrum für interreligiöse Zusammenarbeit (Qëndra e Bashkëpunimit Ndërfetar në Elbasan, QBNFE) in der mittelalbanischen Stadt Elbasan, getragen von Vertretern der fünf großen Gemeinschaften. Die lokalen Akteure kennen die besonderen Problemstellungen im spezifischen städtischen Umfeld Elbasans, und können durch ihre Kontakte eine langfristige Verständigung erreichen. Konkrete Projekte des interreligiösen Zentrums sind ein jährlicher Friedensmarsch durch die Stadt, der alle bedeutenden zivilgesellschaftlichen Akteure und auch die Stadtverwaltung mit einbezieht, eine Reihe von Fernseh- und Radio-Panels zur Emanzipation von Gemeinschaften, diverse Treffen mit Vertretern aller religiösen Gruppen sowie die Entwicklung von gemeinsamen Aktivitäten (Berufsbildung, Sport, Kultur), bei denen sich Kinder, Erwachsene und ältere Menschen aller Religionsgemeinschaften begegnen und kennenlernen. Zudem wird der interreligiöse Dialog außerhalb Albaniens unterstützt, indem Vertreter des Zentrums zur Vermittlung ihrer Werte in die albanischen Gebieten Montenegros oder nach Italien fuhren. All diese Aktivitäten haben zu einer schrittweisen Zunahme der Kommunikation zwischen den lokalen religiösen Würdenträgern geführt, die untereinander in hohem Maße vertrauen.

Dies wirkt auch in die Religionsgemeinschaften hinein: So organisiert die Muslimische Gemeinschaft in Elbasan Seminare zur Emanzipation von Frauen, die auch von den anderen Gemeinschaften mit Respekt betrachtet werden. „Wir wollen Albanien in Europa integrieren, nicht im Nahen Osten.“, sagte dazu ein Imam aus der Stadt. So geht von der interreligiösen Zusammenarbeit vor Ort eine konstruktive Dynamik aus, die Religionsvertreter ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten erkennen lässt.

Substanz bedeutet auch Verinnerlichung auf persönlicher Ebene: Illustrativ ist diesbezüglich die Aussage von Erzbischof Anastasios (Yannoulatos), Primas der Autokephalen Orthodoxen Kirche Albaniens, er hätte auch gern Muslime in seiner Kirche, da er von ihnen etwas lernen könne. Dies sind jene Ansätze und Einstellungen, die auf der alltäglichen Ebene Substanz in der interreligiösen Kooperation gewährleisten.

Wie treten die Religionsgemeinschaften gegenüber dem Staat auf?
Dazu lässt sich keine generelle Antwort geben. Es existieren kleinere Religionsgemeinschaften in Albanien, die sich ausschließlich spirituellen und/oder karitativen Anliegen widmen und kaum Beziehungen mit dem Staat pflegen. Hier wird eher die mangelnde Unterstützung von karitativen Projekten durch den Staat und seine Infrastruktur angesprochen.

Die größeren Religionsgemeinschaften hatten bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Einfluss auf Politik und Kultur Albaniens: Sie trugen seit der Gründung des albanischen Staates 1912/1920 unter den Bedingungen der externen Bedrohung durch die Nachbarstaaten und der internen Fragmentierung (in Großgrundbesitzer und Clans) zur dringend benötigten Kohäsion des neuen Staates bei. Zudem spielten sie eine bedeutende Rolle bei der Demokratisierung des Landes nach 1990, gerade die Muslimische Gemeinschaft KMSh. Beide Punkte zur Geschichte Albaniens sind bei der Beurteilung der heutigen Verhältnisse nicht zu unterschätzen.

So entwickelte die KMSh als größte Religionsgemeinschaft in Albanien in den 1990er Jahren Verbindungen zur Politik, insbesondere zur Demokratischen Partei als Gegenspielerin der Sozialistischen Partei. Auf die nationale Politik wirkte sich dies im Sinne von religiös fundierter Politik seitens der Demokratischen Partei jedoch nicht aus. Insgesamt erfahren die fünf erwähnten größeren Religionsgemeinschaften heute eine bevorzugte Behandlung durch den Staat, da sie einzeln Verträge mit der Regierung geschlossen haben, wobei vier Glaubensgemeinschaften (ohne VUSH) auch finanziell unterstützt werden. Diese Unterstützung ist jedoch in absoluten Zahlen und im internationalen Vergleich eher marginal bzw. symbolisch.

Die größten Probleme zwischen den großen Religionsgemeinschaften und dem Staat bestehen heute in der weiterhin ungelösten Frage der Restitution von Eigentum an die Religionsgemeinschaften sowie zur Einschätzung der Verankerung der Gemeinschaften in der Bevölkerung (der letzte Zensus 2011 wird von mehreren Gemeinschaften infrage gestellt). Zusätzlich ist im Bereich von muslimischen Gemeinschaften zu vernehmen, dass bei der Anerkennung von kleineren, von der KMSh unabhängigen islamischen Organisationen Dissens über den Wirkungsbereich der KMSh herrscht.

Insgesamt treten die fünf großen Religionsgemeinschaften in Albanien gegenüber dem Staat sehr loyal auf, auch da sie sich als Teil der nationalen Gründungsgeschichte verstehen. Explizite Betonung findet dies u.a. beim Kontakt mit auswärtigen Akteuren.

Jochen Töpfer, Dr., Osteuropa-Institut und Institut für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

Bild: Friedensmarsch mit Vertretern der Religionsgemeinschaften in Elbasan (© interreligiouscenter.org)

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