Serbien: Patriarch würdigt Verhältnis zwischen Kirche und Staat

Das Verhältnis zwischen der Kirche und dem Staat sowie den staatlichen Organen und Behörden in Serbien hat sich laut dem serbischen Patriarch Irinej verbessert. Das zeige sich unter anderem daran, dass der Staat gemeinsam mit der Serbischen Orthodoxen Kirche (SOK) das 800-Jahr-Jubiläum ihrer Autokephalie feiere und sie in „bedrohten Gebieten“ wie Kosovo unterstütze, erklärte der Patriarch in einem Exklusivinterview mit der serbischen Tageszeitung Politika anlässlich der Jubiläumsfeiern.

Obwohl in Serbien das Erbe der sozialistischen Zeit, als die SOK marginalisiert war, mehrheitlich aus dem öffentlichen Leben verschwunden sei, sei es noch nicht gänzlich überwunden. Die von manchen noch immer vertretene Position, dass die Kirche nicht das Recht habe, sich zu wichtigen Fragen zu äußern, akzeptiere die SOK nicht, mahnte Irinej im Interview. Wo es nötig sei, insbesondere bei „vitalen Fragen der Identität des Volkes und seiner Selbstwahrnehmung“, werde die Kirche „immer und entschieden ihre Stimme erheben“. Denn ohne die SOK „gäbe es heute auch unser Volk nicht. Andere Menschen und Völker, und nicht orthodoxe Serben, würden heute diese wunderbare Region bewohnen“. Die SOK nimmt für Irinej so eine zentrale Rolle bei der Bewahrung von Glaube, Sprache, Kultur und Staat in Vergangenheit und Gegenwart ein.

Die Zahl der radikalen Kirchengegner in Serbien schätzt das Kirchenoberhaupt als verschwindend gering ein. Es handle sich um einige Grüppchen, die sich um einzelne „aus dem Ausland finanzierte Medien und Organisationen“ versammelten. Die meisten von ihnen lebten vom „Geld, das sie von Parteien mit schlechten Absichten erhalten, die wissen, dass die Kirche der zentrale Träger der Identität des serbischen Volkes ist“. Trotz dieser Zahlenverhältnisse werde die Stimme der Gläubigen zu wenig gehört. Daher seien insbesondere prominente Gläubige aus Wissenschaft, Kultur und Politik aufgerufen, ihren Glauben öffentlich zu bekennen.

Hinsichtlich der kirchlichen Situation in der Ukraine beteuerte Irinej, die SOK habe sich nicht aufgrund der „slawischen Nähe“ auf die Seite der Russischen Orthodoxen Kirche geschlagen, und „natürlich nicht aus irgendwelchen politischen und ähnlichen Interessen“, sondern ausschließlich aus kirchlichen, kanonischen Gründen. Viele serbische Bischöfe seien geistig von Griechenland geprägt, und er selbst fühle die Pflicht und bestehe auf der tiefsten Dankbarkeit gegenüber der Mutterkirche in Konstantinopel und teile die Liebe für das griechische Volk, die Kirche und Kultur. Aber dies gebe nicht das Recht, nicht auf unkanonische und inakzeptable Vorgänge hinzuweisen.

Die serbischen Bischöfe strichen in ihrer Botschaft ebenfalls die Bedeutung der Autokephalie für „das Leben, die Wissenschaft, die Kultur, die Geistlichkeit und Staatlichkeit – mit einem Wort, die Identität und das historische Dasein und das Fortdauern unseres Volkes“ hervor. Zugleich verwiesen sie auf die Offenheit der SOK für alle Gläubigen ungeachtet ihrer Nationalität, Hautfarbe, Sprache und ihres Wohnorts. Daher sei die SOK „nicht nur serbisch, sondern auch ökumenisch, wie das übrigens auch alle anderen Lokalkirchen sind“.

Die Feierlichkeiten zum 800-Jahr-Jubiläum der Autokephalie, die der SOK 1219 vom Patriarchat von Konstantinopel verliehen worden war, begannen bereits im Dezember 2018 mit dem wissenschaftlichen Symposium „Acht Jahrhunderte Autokephalie der Serbischen Orthodoxen Kirche (1219–2019): Historisches, theologisches und kulturelles Erbe“. Die zentrale Feier zum Jubiläum fand am 6. Oktober im Kloster Žiča statt. Neben Vertretern von Kirchen und Glaubensgemeinschaften waren auch hochrangige Staatsbeamte anwesend, und die zahlreichen Pilger fanden kaum Platz im Hof des Klosters. Am folgenden Tag stand ein Besuch im Patriarchat von Peć auf dem Programm, am 9. Oktober wurde eine Ausstellung mit dem Titel „ Acht Jahrhunderte der Kunst unter der Schirmherrschaft der Serbischen Orthodoxen Kirche“ eröffnet. An der Schau im Museum der SOK in Belgrad sind zahllose wertvolle Objekte aus serbischen Kirchen und Klöstern zu sehen, darunter die beiden ältesten serbischen gedruckten Bücher und rund 300 Objekte, die noch nie zuvor ausgestellt waren.

An einer Feier in Belgrad am Abend des 8. Oktober wurden Patriarch Irinej und der serbische Präsident Aleksandar Vučić von der serbischen Bischofsversammlung mit dem Orden des Hl. Sava ausgezeichnet. Dem serbischen Mitglied des Präsidiums von Bosnien-Herzegowina, Milorad Dodik, verliehen sie den Orden des Hl. Simeon. Der Orden des Hl. Sava ist die höchste Auszeichnung der SOK, mit der sie geistliche und weltliche Personen für besondere Verdienste für die Kirche im geistlichen, Bildungs- oder humanitären Bereich ehrt. (NÖK)

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